Farbräume zum Mischen von Lebensgefühlen

Farbräume zum Mischen von Lebensgefühlen

Farbexperte Professor Axel Venn malt das moderne Lebensgefühl in grauen, skandinavisch-frischen, pastelligen und behaglichen Tönen. Dabei ist es die Vereinbarkeit des Widersprüchlichen, die er als eigentlichen Trend im Interior Design ausmacht.

Herr Professor Venn, Sie gelten in Einrichter-Kreisen als einer der erfahrensten und einflussreichsten Farbexperten. Wohin geht die Reise, und welche Farbwelten begleiten uns dabei?

Wenn Sie mich so fragen, geht die Reise meiner Meinung nach immer häufiger in zwei Richtungen gleichzeitig, und zwar in ein und derselben Wohnung. Ich beobachte einen wachsenden allgemeinen Trend zur Widersprüchlichkeit bei gestalterischen Fragen – auch und gerade was die Farbwahl angeht.

Wird die Wohnungsgestaltung dadurch nicht noch komplizierter?

Nicht unbedingt. Es wird interessanter. Die Wohnung vereint immer stärker Widersprüchliches. Wir suchen beides in ihr: Geselligkeit und Rückzug, Anziehendes und Ausklammerndes, wir laden Menschen ein und fliehen vor der Gesellschaft. Das Gute dabei ist, dass es kein Richtig und Falsch mehr gibt – beides ist richtig.

Können die Menschen sich nicht mehr entscheiden, was sie wollen?

Ich würde eher sagen, wir legen uns nicht gerne so ganz fest. Wir lieben zur gleichen Zeit Sachlichkeit und Putziges. Und das wird auf irgendeine Weise miteinander vermischt. Häufig findet ein Eskapismus in Accessoires statt: In einem sachlichen Rahmen türmen sich auflockernde bunte Kissen, und neben Vasen und anderen Accessoires – übrigens immer in Reihen platziert – tauchen auch schon mal kitschige Kleinigkeiten auf, die mit einem Augenzwinkern platziert werden. Dabei vermischen wir das Erwachsene mit dem Infantilen – unabhängig vom Alter. Auch da mögen wir uns ja nicht so gerne festlegen!

Dadurch wird das ganze System der Wohnungseinrichtung natürlich entspannter und flexibler. Insbesondere für die Farbe erweitern sich da wohl die Einsatzmöglichkeiten, oder?

Es gibt verschiedene Farbthemen, die jeweils eine bestimmte Wirkung entfalten. Ganz allgemein soll vor allem erreicht werden, das Zuhause und den Alltag zu verschönern. Wir kommen immer mehr dahin, das Zuhause als Hort der Erholung und des Wohlfühlens zu sehen. Dieses Konzept hat meiner Meinung auch nicht mehr viel mit Cocooning zu tun – das war zu dicht, zu eng, zu wenig sozial. Bei der Wohnungsgestaltung geht es wieder mehr um persönlichen Ausdruck, der nicht nur für den Bewohner selbst von Bedeutung ist, sondern auch nach außen wirkt.

Wie kann denn Widersprüchlichkeit zum Ausdruck kommen? Gibt es eine räumliche Differenzierung?

Zum Beispiel ist das Badezimmer häufig in Schwarz und Weiß gehalten. Dazu passt auch eine aktuelle Farbgestaltung mit Grautönen. Grau ist eine enorm wichtige Farbe auch für die nächste Saison. Dagegen sehe ich bei der Gestaltung von Küche und Wohnzimmer in Zukunft viele Rosé-Töne, helles Grün und ganz allgemein viele pastellige Töne. Auch wird hier dem Grau beziehungsweise dem Schwarz-Weiß gerne ein lichtes Blau entgegengesetzt.

Welche Farb-Themen dominieren die nächste Zeit?

Da ist an erster Stelle das Leben in Grau zu nennen – Shadows of Grey, mit allen Abstufungen zwischen Schwarz und Weiß, die eine sehr populäre Farbwelt bilden. Daneben steht das Leben in Weiß, das gerne mit verschiedenen Pastelltönen kombiniert wird. Gerade die Kombination mit Bleu transportiert das Lebensgefühl des reduziert Nordischen: Diese Farbskala wirkt skandinavisch frisch und luftig. Drittens wird ein Leben in nett-freundlicher Pastelligkeit gesucht, mit erfrischender, motivierender und behaglicher Wirkung. Und schließlich sehe ich viertens ein Farbthema in gemütlich-angenehmer Farbigkeit, die ein eher traditionelles Lebensgefühl in modern-funktioneller Ausrichtung widerspiegelt, mit Farben, die für Authentizität stehen.

Bleibt Authentizität auch weiterhin Thema?

Es wird ein immer wichtigeres Thema, um einen Kontrapunkt zur virtuellen Welt zu bilden. Gerade junge Zielgruppen geben immer mehr von ihrem Budget für Medien und virtuelle Welten aus, und bei den steigenden Mieten in den Städten bleibt für die Qualität der materiellen Welt oft nicht genug übrig, auch wenn weiterhin gilt: Zeig mir, wie du wohnst, und ich sage dir, wer du bist. Dabei wird es immer wichtiger, die reale Umgebung mit allen Sinnen erfahrbar zu machen. Dabei hilft eine Messe wie die imm cologne mit ihren vielen Beispielen nachhaltigen Designs. Das ist Wohnen zum Anfassen – und das wird immer wichtiger.

Info zu Professor Axel Venn:

Axel Venn ist em. Professor für Farbgestaltung und Trendscouting an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst, Fakultät Gestaltung, Hildesheim und häufiger Gastredner an zahlreichen Universitäten weltweit. Seit Jahren forscht er über und gestaltet mit Farben. Er genießt internationales Renommee als Farb- Trend- und Ästhetikmentor und ist u. a. tätig als ständiger Mitarbeiter für Organisationen, Verbände, Industrie- und Handelsunternehmen, Messe- und Beratungsgesellschaften. Heute lebt und arbeitet er in Berlin. Er ist enger Mitarbeiter bei RAL gGmbH, St. Augustin, publiziert Fachaufsätze und Kolumnen veröffentlichte mehr als 25, bereits in 12 Sprachen übersetzte Bücher. Die Vorträge von Prof. Axel Venn auf der imm cologne sind schon seit Jahren bei den Besuchern des Vortragsforums The Stage sehr beliebt. Zur imm cologne 2017 lautet das Thema seines Trend-Vortrags „Farbe für Körper, Geist und Seele“ (Mittwoch, 18.1.2017 – 10:45 Uhr, The Stage, Halle 3.1).

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